Vom Dorf in die Stadt -

die Migra­ti­on von Mäd­chen und Frau­en im 19. Jahrhundert

Haus­mäd­chen der Fami­lie Schä­fer in Recklinghausen.

Für die Arbeit in der Land­wirt­schaft, in einer Tex­til­fa­brik und als Dienst­mäd­chen wur­den Frau­en und Mäd­chen im 19. Jahr­hun­dert im Ruhr­ge­biet gebraucht. Dafür zogen sie aus den Dör­fern in die Städ­te – ein Schritt in eine ande­re Welt. Die­se unter­schied sich in sozia­len, kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Ver­hält­nis­sen von dem, was die Frau­en zuhau­se gewohnt waren.

Ver­lob­te und Ehe­frau­en zogen ihren Män­nern hinterher

Das schnel­le Wachs­tum der Städ­te im Ruhr­ge­biet war nicht zuletzt auf eine star­ke Nach­fra­ge nach Arbeitnehmer*innen in den auf­stre­ben­den Pro­duk­ti­ons- und Han­dels­sek­to­ren zurück­zu­füh­ren. Für die Mon­tan­in­dus­trie wur­den soge­nann­ten „Ruhr­po­len“ ange­wor­ben. Die pol­nisch spre­chen­den, zumeist ledi­gen männ­li­chen Zuwan­de­rer aus den ost­preu­ßi­schen Pro­vin­zen, hol­ten erst nach und nach ihre Ver­lob­ten oder Ehe­frau­en nach Deutsch­land. Die Frau­en fan­den Arbeit im neu ent­ste­hen­den Gewer­be, in der Land­wirt­schaft und bei Anbie­tern von Dienstleistungen.

Mobi­li­tät ermög­lich­te Wachstum

Oben links blickt das Dienst­mäd­chen der Fami­lie des Reck­ling­häu­ser Gym­na­si­al­di­rek­tors Dr. Joseph Schä­fer an Neu­jahr 1914 in die Kame­ra. Alle Fami­li­en­mit­glie­der sind in der Bild­le­gen­de nament­lich benannt, nur das Haus­mäd­chen bleibt namen­los.
Foto: Dr. Joseph Schä­fer © LWL-Medi­en­zen­trum für Westfalen

Das Anwer­ben von Arbeits­kräf­ten aus preu­ßi­schen Pro­vin­zen oder aus nahe oder fer­ner gele­ge­nen länd­li­chen Gebie­ten führ­te zu einer bis dahin unbe­kann­ten räum­li­chen und sozia­len Mobi­li­tät. Inner­halb von weni­gen Jahr­zehn­ten ent­wi­ckel­ten sich auf die­se Wei­se ursprüng­lich klei­ne Städ­te oder Gemein­den zu Groß­städ­ten mit mehr als 100.000 Einwohner*innen. Indus­tria­li­sie­rung, Arbeits­mi­gra­ti­on, Urba­ni­sie­rung und wach­sen­de Bevöl­ke­rungs­zah­len stan­den dabei in einem engen Zusammenhang.

Wäh­rend der Indus­tria­li­sie­rung hat­ten sich in den neu ent­stan­de­nen Betrie­ben spe­zi­fi­sche Män­ner- und Frau­en­ar­beits­plät­ze her­aus­ge­bil­det. In der Mon­tan­in­dus­trie des Ruhr­ge­biets waren dies fast aus­schließ­lich Erwerbs­ar­beits­plät­ze für Män­ner, da seit 1849 die Frau­en­ar­beit im Berg­bau gesetz­lich ver­bo­ten war. Dem­ge­gen­über bot die vor allem in Ost-West­fa­len und im Müns­ter­land ange­sie­del­te Tex­til­in­dus­trie vie­len Frau­en einen Arbeitsplatz.

Arbeit der Frau­en ersetz­te Pachtzahlung

Bis weit ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein spiel­te jedoch vor allem die Land­wirt­schaft als Arbeit­ge­be­rin für Frau­en eine zen­tra­le Rol­le. Noch in den 1920er Jah­ren waren hier – neben der gro­ßen Zahl unent­gelt­lich arbei­ten­der soge­nann­ter „mit­hel­fen­der Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ger“ – fast die Hälf­te aller erwerbs­tä­ti­gen Frau­en als Mäg­de beschäf­tigt. Dane­ben gab es noch Heu­er­lin­ge, Fami­li­en, die einen klei­nen Kot­ten und ein paar Mor­gen Land zumeist nur zur Selbst­ver­sor­gung gepach­tet hatten.

Wäh­rend die Ehe­män­ner und älte­ren Söh­ne die­ser Fami­li­en einem Neben­er­werb nach­gin­gen, muss­ten die Ehe­frau­en und Mäd­chen auf dem jewei­li­gen Guts­hof anstel­le der Pacht Hilfs­ar­bei­ten leis­ten. Hin­zu kamen ins­be­son­de­re im Som­mer wäh­rend der Ern­te Sai­son­ar­beits­kräf­te: Män­ner wie Frau­en, die als Binnenwander*innen ähn­lich den Berg­werks­be­schäf­tig­ten, meist aus den preu­ßi­schen Ost­pro­vin­zen kamen.

Als 14-Jäh­ri­ge „in Stel­lung“ gehen

Außer­halb von Fabri­ken, Heim­ar­beits­stel­len oder der Land­wirt­schaft hat­ten Frau­en und Mäd­chen aus nicht bür­ger­li­chen Fami­li­en oft­mals nur die Mög­lich­keit „in Stel­lung“ zu gehen, d.h. als Haus­an­ge­stell­te (Dienst­bo­tin, Kin­der­mäd­chen, Köchin oder „Mäd­chen-für alles“) erwerbs­tä­tig zu wer­den. Die Ver­mitt­lung von Mäd­chen und jun­gen Frau­en als Dienst­bo­tin­nen in einen Haus­halt erfolg­te dabei meist über Bekann­te. Wenn Kon­tak­te in die Stadt fehl­ten, wand­te man sich an Ver­mitt­lungs­agen­tu­ren, die extra für die­se Tätig­keit bezahlt wer­den muss­ten. Vie­le Eltern hoff­ten, dass ihre Töch­ter so die Haus­wirt­schaft ler­nen, also Fer­tig­kei­ten, die ihnen als spä­te­re Haus- und Ehe­frau nüt­zen wür­den. Doch oft ging es nur um die Bewäl­ti­gung des rei­nen Arbeits­pen­sums. Aus­bil­dung und Ein­ar­bei­tung blie­ben auf der Stre­cke. Der Lohn bestand oft aus wenig mehr als Kost und Logis, Frei­zeit gab es kaum.

Ver­ei­ne und Schutz­stel­len für Mädchen

Fern der Hei­mat schlos­sen sich die Frau­en zusam­men. Die Ansichts­kar­te zeigt die Frau­en­grup­pe des pol­ni­schen Turn­ver­eins “Sokół”, Her­ne 1913 (Stadt­ar­chiv Herne).

Nicht über­all tra­fen es die Frau­en gut an: Schlä­ge, aus­ste­hen­der Lohn und unwür­di­ge Unter­brin­gung mach­ten ihnen das Leben zur Höl­le. Unter ande­rem kirch­li­che Orga­ni­sa­tio­nen sahen die Not der Frau­en. So rich­te­te der 1899 von Agnes Neu­haus in Dort­mund gegrün­de­te „Ver­ein vom Guten Hir­ten“, der spä­te­re „Katho­li­sche Für­sor­ge­ver­ein für Mäd­chen, Frau­en und Kin­der“ und heu­ti­ge „Sozi­al­dienst katho­li­scher Frau­en“ (SkF), in sei­nen soge­nann­ten „Mäd­chen­schutz­stel­len“ oder „Bahn­hofs­mis­sio­nen“ Stel­len­ver­mitt­lun­gen für die meist aus länd­li­chen Regio­nen zuge­wan­der­ten jun­gen Frau­en ein. Durch zusätz­li­che Hilfs­an­ge­bo­te wie Sup­pen­kü­chen oder Ledi­gen­hei­me ver­such­ten sie die meist erst vier­zehn­jäh­ri­gen Mäd­chen zu unter­stüt­zen, wenn es dar­um ging, ihnen eine Alter­na­ti­ve zu unse­riö­sen Arbeits­ver­mitt­lern anzu­bie­ten. Deren Ange­bo­te ende­ten nicht sel­ten in Aus­beu­tung und/oder Prostitution.

Dr. Julia Pau­lus
LWL-Insti­tut für west­fä­li­sche Regionalgeschichte

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